SVEN GRAWUNDER : Untertongesang ist eine Gesangstechnik, bei der Töne unterhalb des Singtons entstehen.

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Untertongesang

Die Untertonreihe | Strohbass | Kargyraa | Unterton mit Oberton | Untertöne der Welt

Untertongesang ist eine Gesangstechnik, bei der Töne unterhalb des Singtons entstehen.

Untertöne sind Subharmonische des Grundtons, d. h. ihre Frequenzen sind ganzzahlige Teiler der Grundfrequenz. Die Untertonreihe verhält sich wie das Spiegelbild der Obertonreihe. Überwiegend wird bei den Untertontechniken die 2. Subharmonische H-1/2 gesungen. Sie schwingt mit halber Grundtonfrequenz und liegt eine Oktave unter dem eigentlichen Sington. Mit Untertontechnik kann man seinen Stimmambitus also um mindestens eine Oktave nach unten erweitern. Gelegentlich hört man auch die 3. Subharmonische, also eine Oktave und eine Quinte unter dem Grundton, oder sogar Stimmen, die bis zur 5. Subharmonischen (s. u.) singen.

Es gibt im Wesentlichen zwei Arten, in der Stimme Subharmonische erzeugen. Zum einen gibt es die dem tuvinischen Kargyraa verwandten Techniken, zum anderen die Strohbasstechnik oder Pulsregister (engl. vocal fry, pulse register). Kargyrraa und Strohbass funktionieren unterschiedlich, haben aber die Gemeinsamkeit, dass sie die Stimme um eine Oktave oder mehr absenken.

zum SeitenanfangDie Untertonreihe

Die Reihe der Untertöne (Subharmonische) ergibt sich aus dem Grundton durch Spiegelung der Obertonreihe nach unten, das heisst, durch ganzzahlige Teilung der Frequenz. Die 2. Subharmonische schwingt mit 1/2 Grundtonfrequenz, die 3. mit 1/3 usw. Die Reihe besteht also aus den absteigenden Intervallen Oktave, Oktave + Quinte, Doppeloktave, Doppeloktave + große Terz, Doppeloktave + Quinte usw. Die Untertöne eines Grundtons sind die Töne, in deren Obertonvorrat der Grundton vorkommt. Das Bild rechts zeigt die Untertonreihe von a2.

zum SeitenanfangStrohbass (vocal fry, Pulsregister)

Strohbass ist eine Form des Untertonsingens. Er findet gelegentlich Anwendung im klassischen Gesang und ist vielen Bekannt als Klang tibetischer Mönchsgesänge.

Im wesentlichen scheint es sich beim Strohbass um eine Schwingungsmodulation der Stimmbänder zu handeln. Man erreicht diesen relativ leisen Klang, wenn die Stimme völig entspannt und anfängt zu knattern, was gelegentlich auch bei Ermüdung der Stimme unabsichtlich auftritt.

Dieses Knattern kann kultiviert werden, so dass die Stimme auf den tieferen Ton quasi einrastet. Das gleiche entsteht, wenn man beim Jodeln langsam an die Grenze des Umklappens der Stimme in den Falsettton, also an die Grenze der Vollschwingung zur Randkantenschwingung der Stimmbänder geht. Die Strohbasstechnik wurde eingehend in der Doktorarbeit von Leonardo Fuksuntersucht.

Ich empfinde Strohbass als sehr wohltuend und entspannend für die Stimme. Er funktioniert nur bei völliger Entspannung. Er eignet sich hervorragend zum schnellen und schonenden Einsingen. Ich habe für mich entdeckt, dass ich den Strohbass in zwei Qualitäten hervorbringen kann, einer leisen, sehr entspannten und einer lauteren, bei der ich eine geringe Spannung im Kehlkopf spüre. Untersuchungen stehen noch aus, aber ich habe die Vermutung, dass im lauteren Fall die Taschenfalten eine Rolle spielen.

Man kann gelegentlich von der 2. Subharmonischen in die 3. oder noch tiefer kippen. Ein wunderbares Klangbeispiel findet sich auf der Website von Leonardo Fuks (Datei fry12345.ra), in dem er bis zur 5. Subharmonischen hinunter singt.

Analyse Fuks fry12345

Leonardo Fuks, Strohbass bis zur 5. Subharmonischen. Analyse mit Overtone Analyzer.

zum SeitenanfangKargyraa – kraftvolle Untertöne

Kargyraa ist der tuvinische und mongolische Untertongesang. Die Technik wird auch in anderen Kulturen verwendet. In diesem Abschnitt beziehe ich mich überwiegend auf Ergebnisse der Diplomarbeit von Dr. Sven Grawunder.

Beim Untertonsingen in der tuvinischen Kargyraa-Technik gibt es mehrere Stile, die bisher nicht alle eingehend untersucht wurden. Beim sog. Steppen-Kargyraa fand Sven Grawunder die gleiche Verengung im Kehlkopf wie beim Khöömej. Die (aryepiglottischen) Falten, die diese Verengung bilden, werden beim Singen zusätzlich zu den Stimmbändern in Schwingung versetzt. Es entsteht also eine Pseudoglottis, eine zweite Klangquelle. Offenbar haben diese gekoppelten Schwingungen die halbe Frequenz des Singtons und erzeugen so einen Ton, der um eine Oktave unter der Singstimme liegt. Möglicherweise sind auch die Taschenfalten, die unterhalb der Verengung liegen, in den Phonationsvorgang einbezogen. Da sie im Bild aber verdeckt sind, kann man das hier nicht erkennen.

Fotos © Grawunder 1999
Bildung einer Pseudoglottis beim Steppen-Kargryraa.

Untersuchungen von Tran Quang Hai und anderen zeigen, dass bei Kargyraa-Techniken die Taschenfalten (falsche Stimmlippen) zusammen mit den Stimmbändern ein komplexes Schwingungssystem bilden ohne Einbindung der aryepiglottischen Falten.

Kargyraa ist nicht unproblematisch zu lernen, da man sich leicht die Stimme verletzen kann. Man braucht dazu keine tiefe Stimme. Es gibt eine wunderschöne Aufnahme eines 11-Jährigen, der diese Technik singt, auf der CD Tuva vonzeitausendeins und die gleiche Aufnahme auf der CD Deep in the Heart of Tuvavon ellipsis arts (vgl. CD-Liste tuvinischer Khöömej). Auch Frauen können damit Bass singen, wie die Sängerinnen der tuvinischen Gruppe Tyva Kyzy und die Kehlsängerinnen der Xhosa. Man singt beim Kargyraa grundsätzlich eine Oktave höher, als die Stimme klingt. Steve Sklar hat einen Videolehrgang hierzu auf DVD herausgegeben. Bei einer langen Lagerfeuernacht zusammen mit der GruppeHuun-Huur-Tu lernte ich den Ansatz zum Kargyraa aus einem entspannten Räuspern zu entwickeln, indem ich die Vibration tief in der Luftröhre verspürte und den Mund dabei geschlossen hielt.

zum SeitenanfangUnterton mit Obertönen

Untertongesang ist nicht zwangsläufig auch Obertongesang. In Tuva und Mongolei wird die Untertontechnik Kargyraa oft mit Obertongesang kombiniert. Aber es gibt auch dort Künstler, die nur das tiefe Register nutzen um z. B. Texte darauf singen (vgl. Albert Kuvezin von der Gruppe Yat Kha) ohne Obertontechniken zu verwenden. Viele andere Untertontechniken verwenden keine Obertontechnik [vgl. nächstes Kapitel].

Die Absenkung des Gruntons durch Untertongesangs hat für das Obertonsingen den großen Vorteil, dass sich die gesamte Obertonskala mit nach unten verschiebt. Dadurch stehen in der 2-, 3- und 4-gestrichenen Oktave doppelt so viele Obertöne zur Verfügung, wie mit der normalen Grundstimme. Dadurch können auch Frauen in der Bass- und Baritonlage singen und die gleichen Obertöne erzeugen, wie die Männer.

zum SeitenanfangUntertöne in der Welt

Europa

Die Untertontechnik des Kargyraa gibt es auch in der traditionellen Musik Europas und Afrikas. Bei der paghjella auf Korsika und beim cantu a tenores auf Sizilien gibt es eine rauhe tiefe Stimme, die bassu oder su basciu genannt wird. Sie entspricht technisch dem Kargyraa, wird aber ohne Obertontechniken gesungen.

Im klassischen Chorgesang gibt es Kompositionen – z. B. bei Rachmaninov und Tschaikowsky – die von den Bässen Tiefen bis zu A1 (Kontra A) fordern. Kaum eine deutsche Stimme erreicht diese Tiefe auf normalem Wege. Daher wird an solchen Stellen Strohbass gesungen, was aber wiederum auch nur wenige Experten beherrschen.

Afrika

Bei den Frauen der Xhosa ist der umngqokolo bekannt, der die Stimmtechnik des Kargyraa mit Obertongesang verbindet. In diesem Fall soger sehr virtuos, weil die Xhosa-Frauen (in einer Bass-/Baritonlage singend!) die Klänge des Mundbogens immitieren und dabei den Grundton gegen den Oberton polyphon führen. Der Grundton wechselt rhythmisch um eine große Sekunde, während darüber in einer schnelleren Tonfolge eine Obertonmelodie erscheint.

Tibet

Auch in tibetischen Klöstern gibt es Kehlgesangstile, die Untertöne verwenden. Es ist mir nicht ganz klar, ob die Techniken auf Kargyraa oder auf Strobass beruhen, oder ob vielleicht beide Techniken vorkommen und je nach Sänger verschieden eingesetzt werden. Die mir bekannten Aufnahmen sind in Strohbass gesungen, was man leicht am gelegentlichen Umkippen der Stimme in Normallage erkennt. Die tibetischen Mönche rezitieren meist sehr langsame Texte bzw. Mantren oder Formeln. Oft ergibt sich im Klang eine Dominanz der 10. Harmonischen, weshalb manche Autoren diese Gesänge auch zu den Obertongesängen zählen.

 

Die Fotos in diesem Artikel wurden mir freundlicher Weise von Sven Grawunderüberlassen. Sie unterliegen dem Urheberrecht.

Sie erreichen Herrn Grawunder unter:
Sven Grawunder
Institut für Sprechwissenschaft und Phonetik
Advokatenweg 37
06114 Halle (Saale)
T 0049-345-5524465
E-Mail

http://oberton.org/obertongesang/unterton.html

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